
Eine Künstlerin, die neue Maßstäbe setzt: Eythee aus Lüneburg steht für Niedersachsen im local heroes-Bundesfinale. (Foto: Line Tsoj)
Eythee aus Lüneburg steht mit atmosphärischem Artpop, persönlicher Bildsprache und einer außergewöhnlichen Performance für Niedersachsen im local heroes-Bundesfinale. Am 28. November wird verkündet, ob sie zu den diesjährigen Preisträger:innen des wichtigsten Non Profit-Newcomer-Musikpreises Deutschlands zählt.
Vom 3. bis 6. September 2026 dreht sich auf Schloss Hundisburg alles um Musik. 13 junge Solo-Artists und Bands aus ganz Deutschland treffen aufeinander, lernen sich kennen und bringen ihre eigenen künstlerischen Ideen mit. Das gilt auch für Eythee aus Lüneburg. Ihr Rezept: Artpop, der Musik, Kostüme und visuelles Storytelling zu einer eigenen Welt verbindet.
Es klingt nach Utopia und doch ist es (noch) gelebte Realität: Anfang September wird Schloss Hundisburg für fast eine Woche zu einem eigenen kleinen „Musik-Kosmos“. 13 Newcomer-Acts aus ganz Deutschland ziehen zwischen Proben, Auftritten, Drehs, Gesprächen und Coachings durch die historischen Mauern und lassen sich inspirieren. Schon nach den ersten Stunden wird klar: Hier geht es nicht darum, 13 Konzerte hintereinander abzuspielen. Zwischen Proberaum, Kameras und Coachingräumen bleibt vor allem Zeit für das, was im normalen Touralltag oft fehlt: echte Gespräche zwischen Musiker:innen.
Für Niedersachsen im Bundesfinale steht in diesem Jahr Eythee. Hinter dem Projekt steht Jasmin Curtz, die singt, Bass, Gitarre und Flöte spielt. Beim Bundesfinale steht außerdem Marek Huck am Klavier mit ihr auf der Bühne. Eythee ist mehr als Musik: Kostüme, Requisiten, Videos und Bühnenshow gehören für die Künstlerin genauso zum Gesamtbild wie ihre Songs.

Geheimnisvoll und beinahe entrückt: Unter ihrem ausladenden Hut bleibt Eythees Gesicht verborgen. Ihr Auftritt wird zum Spiel mit Schatten, Klängen und Fantasie. (Foto: Line Tsoj)
Von MuseScore zur eigenen Klangwelt
Die ersten musikalischen Schritte macht Jasmin früh. Als Kind begeistert sie sich für Soundtracks. Mit gerade einmal 15 Jahren bringt sie sich selbst das Komponieren bei. „Ziemlich planlos, ohne musikalische Vorerfahrung, nur mit MuseScore, meiner Vorstellungskraft und einer großen Portion Hyperfokus bewaffnet“, erinnert sie sich heute zurück.
Mit 17 Jahren nimmt sie, motiviert durch ihren damaligen Musiklehrer, ihre eigentliche Leidenschaft wieder auf: das Singen. In den Jahren darauf folgen zwei Bandprojekte. Musik veröffentlicht sie mit beiden zwar nicht, gelernt habe sie dabei trotzdem viel. Vier Jahre später stellt sie sich schließlich eine entscheidende Frage: „Bekomme ich das eigentlich auch ohne Band hin?“ Sie fackelt nicht lange, setzt sich hin und schreibt und produziert ihren ersten Eythee-Song. Gemischt wird er von ihrem Freund Steven, der bis heute als Co-Produzent an ihrer Seite steht und den sie liebevoll ihren „Tonmagier“ nennt.
Ihr Song erscheint anschließend auf YouTube. Kurz darauf entsteht die Idee für eine eigene EP. „Und so war mein Debüt ,Pretty Girl‘ geboren“, erzählt Jasmin. „Seitdem ist das Projekt stetig gewachsen und Eythee ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden.“

Zwischen sphärischen Klängen und großen Gefühlen: Eythee erschafft beim Live-Auftritt ihre ganz eigene musikalische Welt. (Foto: Line Tsoj)
Musik, die ihre eigene Welt erschafft
Einen bestimmten Musikstil hat Jasmin dabei nie geplant. Mit dieser Freiheit im Kopf entwickelt sich nach und nach der eigenwillige Sound von Eythee, den sie selbst als Ethereal Pop oder Artpop beschreibt. „Überwiegend elektronisch, aber sehr atmosphärisch, teilweise mit Folk-Einflüssen, teilweise Soundtrack-artig, teilweise auch eher Alternative als Pop“, beschreibt sie das, was das Publikum von ihr hören darf. Bei Eythee endet ein Song allerdings nicht mit dem letzten Ton. Ebenso wichtig ist das, was auf der Bühne und im Bild daraus entsteht: „Man kombiniere das dann noch mit einem visuellen Storytelling und dann hat man Eythee.“
Jasmins Texte führen deutlich tiefer. „Meine Musik dreht sich um Eskapismus, um die Krankheiten unserer post-industriellen, zutiefst kapitalistischen Gesellschaft, um das Gefühl, nie irgendwo hinzugehören und immer der Sonderling zu sein, um psychische Probleme und Traumata“, umreißt Jasmin. Häufig gehe es auch um ihre Migräne, die sie seit ihrem 14. Lebensjahr begleitet und ihr das Leben „viele Jahre lang zur Hölle gemacht hat“. „Meine Musik entsteht meist aus starken Emotionen heraus und hilft mir, Erlebtes und Gefühltes zu verarbeiten und ihm ein Gesicht zu geben“, so Jasmin.
Und dieses Gesicht gestaltet sie weitgehend selbst. Sie näht ihre Kostüme, baut Requisiten, filmt und schneidet ihre Musikvideos. Hinzu kommen Musikproduktion, Auftritte und Social Media. „Ich habe viel zu große Visionen und bin viel zu wenige“, sagt sie augenzwinkernd. „Manchmal würde ich mich gern klonen und eine kleine Armee von Eythees aufstellen, damit wir endlich all die Ideen umgesetzt bekommen, die ich in meinem Kopf habe.“ Das alles brauche Zeit. Gerade wenn so vieles an einer Person hängenbleibt. Trotzdem möchte sie nichts davon missen: „Genau dieses Gesamtbild macht eben meine Kunst aus.“

Fast wie aus einem Märchen entsprungen: Beim professionellen Fotoshooting setzt sich Eythee majestätisch in Szene und lässt ihre fantasievolle Bildwelt lebendig werden. (Foto: Line Tsoj)
Kurz vor dem Aufhören
Noch ein Jahr zuvor hätte Jasmin vermutlich selbst nicht geglaubt, dass sie einmal beim Bundesfinale auf Schloss Hundisburg stehen würde. Denn 2025 befindet sich das Projekt Eythee an einem völlig anderen Punkt. „Ich war kurz davor, aufzuhören“, erzählt sie.
Wenn sie Songs schreibt und produziert, ist sie überzeugt von dem, was sie erschuf. Auf der Bühne erlebt sie jedoch häufig andere Reaktionen. „Von Verwirrung bis hin zu Ablehnung war alles dabei.“ Immer wieder habe sie Sätze gehört wie: „Deine Stimme ist ja ganz toll, aber die Musik…“
Solche Reaktionen hinterlassen Spuren. „Auch wenn man versucht, so etwas nicht an sich heranzulassen, macht das etwas mit dir.“ Weil sie ohnehin dazu neige, sich selbst zu hinterfragen, stellt Jasmin irgendwann das gesamte Projekt infrage: „Wofür mache ich das hier eigentlich alles, wenn es eh niemand hören mag?“
Der Impuls, Eythee noch einmal neu zu denken, kam 2025 bei einem Konzert ihrer Freunde Nachtkinder, den bayerischen Bundesfinalisten 2025, in der Katharinenruine in Nürnberg. Dort erlebt sie erstmals eine Newcomer-Band, deren Show nicht allein darauf setzte, dass das Publikum mitsingt oder mittanzt. „Stattdessen erzählt sie eine ganz eigene Geschichte, fast wie ein Theaterstück“, beschreibt Jasmin diese besondere Erfahrung.
Die Show der Band verändert Jasmins Blick auf ihre eigenen Auftritte. Sie beginnt, ihre eigene Show weiterzuentwickeln. Als kurz darauf der Anruf von local heroes kommt und feststeht, dass sie im Semifinale dabei sein würde, ist für sie klar: „Jetzt ist meine Chance und ich werde alles geben.

Mit einer intensiven Performance hinterließ Eythee einen bleibenden Eindruck bei der Jury. (Foto: Line Tsoj)
Von Lüneburg ins Bundesfinale
Dass dieser Weg bis nach Schloss Hundisburg führen würde, erwartet Jasmin selbst nicht. Schon der Einzug ins niedersächsische Landesfinale überrascht sie. Anders als andere Final-Acts habe sie beim Semifinale keine Fans mitbringen können und habe daher nicht erwartet, weiterzukommen.
Im Musikzentrum Hannover ändert sich dann einiges: „Das Musikzentrum in Hannover ist und bleibt eine meiner liebsten Bühnen“, sagt sie. Eythee erhält dort ein professionelles Live-Video und wird zusätzlich für einen Musikvideodreh ausgewählt. „All das wäre ohne local heroes und die LAG Rock nicht möglich gewesen und hat mich enorm vorangebracht“, sagt sie. Als schließlich feststeht, dass Eythee Niedersachsen beim Bundesfinale vertreten würde, ist sie überwältigt: „Ich konnte gar nicht anders, als vor Freude zu weinen.“
Dass gerade sie ihr Bundesland vertritt, hat für Jasmin noch eine andere Bedeutung. Die niedersächsische Musikszene spiele sich aus ihrer Sicht vor allem in und um Hannover ab. Lüneburg bezeichnet sie dagegen als „völligen Blindspot in der Popmusik“. Umso mehr bedeutet ihr die Teilnahme. Sie hoffe, dass auch ihre Heimat künftig stärker zur Kulturstadt werden könne.

Hoch hinaus geht es für Eythee auch beim Social-Media-Interview. Kurzerhand erklimmt sie einen Baum und beweist, dass ihre Kreativität nicht an der Bühnenkante endet. (Foto: Cora Schrage)
Zwischen Clubsterben und engagierter Szene
Wo Strukturen vorhanden sind, erlebt Jasmin viel Unterstützung. Besonders die LAG Rock, die local heroes in Niedersachsen ausrichtet, unterstütze Newcomer:innen mit Konzertformaten, Förderungen und Beratungsangeboten. Auch kleinere Vereine und Initiativen nennt sie als wichtige Stützen der Szene, etwa Platenlaase e.V. im Wendland, MySixStages in Buxtehude oder das Vakuum in Bad Bevensen.
In Lüneburg selbst sieht sie dagegen ein konkretes Problem: das Clubsterben. „Als Singer-Songwriter findet man immer ein Café, eine Kneipe oder einen Plattenladen. Als Punkband immer ein Dorffest“, sagt Jasmin. Eine wirkliche Clubszene mit kleinen bis mittelgroßen Konzerten lokaler Bands sei dagegen schwer zu finden. Dafür müsse man häufig nach Hamburg ausweichen. Gerade angesichts der jungen Bevölkerung der Universitätsstadt bedauert sie diese Entwicklung. Ihre Hoffnung: dass die Clubkultur irgendwann nach Lüneburg zurückkehrt und einen Gegenpol zu Hamburg bilden kann.

Ungewöhnliche Perspektiven beim Social-Media-Interview: Während Eythee vom Baum aus erzählt, lauschen Team und Zuschauer:innen am Boden. (Foto: Cora Schrage)
Hundisburg: neuer Mut für Eythee
In Hundisburg steht Eythee plötzlich zwischen zwölf Acts, die musikalisch kaum unterschiedlicher hätten sein können. Im Gepäck haben sie alle pure Vielfalt: Das Spektrum reicht von Indiepop und Folk über Alternative Metal bis hin zu Experimental Rap und Avantgarde-Funk-Metal.
Für Jasmin war die Zeit dort „wunderschön und viel zu schnell vorbei“. Besonders die Gemeinschaft der Acts bleibt bei ihr hängen. „So viele wundervolle Menschen, jeder hat sich gegenseitig unterstützt und wir sind alle extrem zusammengewachsen und haben einander ins Herz geschlossen in diesen Tagen.“ Zurück nach Lüneburg nimmt Jasmin vor allem eines mit: neuen Mut. Dazu kommen Anregungen, wie Eythee weiterentwickelt werden könnte. Dass das Bundesfinale dabei nicht ausschließlich ernst zugeht, zeigen ihre Erinnerungen an Interviews und Fotoshootings: „Ich bin auf Bäume geklettert, hab ein paar Mal im Sturm meinen Hut verloren, bin barfuß durch den Schlossgarten gelaufen und habe sehr viel mit den anderen gelacht.“
Auch erste gemeinsame Ideen sind entstanden. Jasmin berichtet von Kontakten für mögliche Features und Festival-Auftritte. Dazu kommt „das eine oder andere tiefgründige oder tränenreiche Gespräch“, wie sie erzählt, bevor sie lachend ergänzt: „Aber die beste Art von Tränen!“

Eythee und Marek im Feedbackgespräch mit der Jury. Ihre filmisch anmutende Performance beeindruckte durch Mut, persönliche Texte und eine außergewöhnliche Bildsprache. (Foto: Cora Schrage)
Jury sieht Mut und eine filmische Welt
Die Jury braucht nach Eythees Auftritt offenbar selbst einen Moment, um wieder aus dieser Welt herauszukommen. Musikalisch fühlt sich die Jury unter anderem an Florence and the Machine und Aurora erinnert. Komponist und Musikproduzent Michael Vajna hebt besonders die Texte hervor. „Sehr persönlich, sehr mutig“, lautet sein Eindruck. Teilweise habe die Performance ein „beklemmendes Gefühl“ vermittelt. Doch gerade dadurch sei sie für das Publikum besonders intensiv gewesen. „Generell fand ich das alles sehr filmisch“, sagt Vajna. Auch Fragen bleiben zurück. Nicht im Sinne eines Mangels, sondern weil die Performance zunächst verarbeitet werden müsse, um sie vollständig zu verstehen. Genau darüber hat sich die Jury im anschließenden Gespräch mit Eythee ausgetauscht.
Ein neuer Song für Hundisburg
Musikalisch bereitet Jasmin das Bundesfinale gezielt vor. Extra für Hundisburg stellt sie ihren neuen Song „Icarus“ fertig. Die ersten Ideen dazu liegen bereits länger auf ihrem Tisch. Als es darum geht, mit welchem Stück sie ins Publikumsvoting gehen will, fällt die Wahl schnell.
Hinzu kommt eine weitere Premiere: Das Bundesfinale markiert Eythees erster Auftritt gemeinsam mit Keyboarder Marek. Entsprechend besteht ein großer Teil der Vorbereitung darin, vorhandene Songs neu zu arrangieren und Platz für das Klavier zu schaffen. Auch an „Icarus“ arbeitet Marek mit.
Größer, durchdachter, schöner
Nach Hundisburg wartet bereits das nächste Kapitel: die EP „Beyond“. „Ich arbeite schon sehr lange an diesem Projekt und möchte damit ein neues Kapitel für Eythee einläuten“, sagt Jasmin. Ihr Anspruch daran ist hoch: „Es wird größer, durchdachter und schöner als alles bisher.“ Musik ohne Label zu veröffentlichen und zu vermarkten, war aus Jasmins Sicht noch nie so einfach wie heute. Gleichzeitig werde es immer schwieriger, in der Masse aufzufallen. Für sie reicht es deshalb längst nicht mehr, einfach nur Musik zu machen. Künstler:innen müssten dem Publikum etwas bieten, „das es so nicht schon zehntausendmal auf Social Media gesehen hat, sowohl musikalisch als auch visuell“.
Für sie ist genau das ein Grund, noch stärker zu experimentieren: „Ich denke, wir leben in der besten Zeit, experimentierfreudig zu werden und neue Konzepte auszutesten.“ Dabei richtet sich ihr Blick zunehmend wieder auf den Ort, der für Eythee lange mit den größten Zweifeln verbunden war: die Bühne. „Ich hoffe, dass wir in den nächsten Jahren eine Rückkehr zur Live-Musik erleben“, sagt Jasmin. Sie habe das Gefühl, dass Menschen zunehmend müde von Social Media, „AI-Slop“ und dem bloßen Konsumieren würden. „Wir alle wollen doch eigentlich wieder etwas Echtes erleben, etwas Echtes spüren, zurück ins analoge Leben.“ Voraussetzung sei allerdings, dass beide Seiten wieder mehr wagen: „Die Menschen, das Haus verlassen, und die Kulturschaffenden, neue Live-Formate durchführen.“
Noch 2025 fragt sich Jasmin, ob überhaupt jemand ihre Musik hören will. Ein Jahr später steht sie im Bundesfinale und macht genau das weiter, was Eythee von Anfang an ausgemacht hat: ihre eigenen Welten zu bauen…
Am 28. November 2026 treffen sich alle Bundesfinal-Acts zur Preisverleihung im Moritzhof Magdeburg wieder. Zuvor kann das Publikum nach Veröffentlichung der auf Schloss Hundisburg entstandenen Videos ab dem 19. November eine Woche lang über seinen Favoriten abstimmen. Insgesamt werden sieben Preise und Förderleistungen im Gesamtwert von rund 15.000 Euro vergeben.
Text: Nicole Oppelt
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Diese Acts standen im Bundesfinale 2026
Alle Acts hatten sich über Landesausscheide oder Nominierungen für das Bundesfinale qualifiziert und vertraten dort ihr jeweiliges Bundesland:
Blumen für mich für Baden-Württemberg
Plume für Bayern
Hermitcrab für Berlin
Floe für Brandenburg
JoschY für Bremen
Carls8erg für Mecklenburg-Vorpommern
Eythee für Niedersachsen
Aylin Celik für Nordrhein-Westfalen
Vianne für Rheinland-Pfalz
Sander Dornblut für Sachsen
Raptiloiden für Sachsen-Anhalt
Quiet Girl für Schleswig-Holstein
kickpunchpow für Thüringen
Die Jury und Coaches 2026:
Martin Hommel (Musikjournalist und Coach)
Marie Antoinette Lührs (Sängerin und Vocalcoach)
Chris Heide (Booker und Musikmanager)
Michael Vajna (Komponist, Musikproduzent und Keyboarder)
David Pfeffer (Sänger & Songwriter, Musikproduzent)
















