Damit haben sich die Musiker beim einzigen local heroes Vorausscheid in diesem Jahr in Salzwedel den Einzug ins Landesfinale verdient, der in diesem Jahr in Form von Intensiv-Coaching-Tagen in der Hansestadt stattfindet. Wir sprachen mit Gitarrist Gunnar und Schlagzeuger Hirschi über ihre Musik, ihre Ziele und den Alltag einer Newcomer-Band in Zeiten von Corona.

Deepest Fish machen schon seit 2012 gemeinsam Musik. Wie habt ihr als Band zueinander gefunden und euch mit der Zeit entwickelt?

Gunnar: Hirschi und ich machen schon seit 2004 zusammen Musik. Das fing mal als Punk-Schrammel-Band an, später haben wir mehr Post-Rock gemacht, so wie Mogwai oder Explosions in the Sky. Das war uns aber irgendwann zu simpel. Zwei Mitglieder unserer alten Band sind dann ausgestiegen und wir wollten etwas anderes machen. Da haben wir uns gedacht: Jetzt machen wir die Songs so richtig kompliziert, so dass es keiner kapiert (lacht). Wir wollten einfach etwas Anderes probieren und uns musikalisch weiterentwickeln.

Prog-Jazz-Funk-Fusion ist natürlich ein außergewöhnlicher Genrebegriff. Woher kommen diese unterschiedlichen Einflüsse in eurer Musik?

Hirschi: Von jedem unserer Mitstreiter. Wir alle brachten unterschiedliche Genres und Spielstile mit ein. Dadurch, dass wir alle sehr gut befreundet sind, stehen wir in regem Austausch.

Also fusionieren die verschiedenen Einflüsse der Bandmitglieder selbst zu einem eigenen Genre?

Gunnar: Wir reden darüber jetzt nicht im Einzelnen unter dem Motto „Ich will da jetzt Metal reinhauen und der andere will eine Jazz-Stelle drin haben.“ Wir schauen, welche Genres man miteinander kombinieren kann. Wir fragen uns beim Komponieren dann: Wie könnte es weitergehen, womit rechnet keiner? Erst rocken wir durch die Gegend, treten plötzlich voll auf die Bremse und auf einmal kommt so eine coole Jazz-Stelle, die wieder zu einem schreienden Gitarren-Solo aufblüht. Nicht immer wissen wir, wo wir anfangen oder wo es hingeht. Aber wir wollen es immer abwechslungsreich halten.

In den Tiefen des Meeres treiben sich bekanntlich die faszinierendsten Lebewesen umher - ließe sich diese Assoziation auch auf euren Bandnamen übertragen? Wie kam es zu dem Bandnamen, gibt es dazu eine Geschichte oder Bedeutung?

Gunnar: Ich habe im Internet ein Diagramm über die verschiedenen Tiefenschichten im Ozean gesehen. In einem Teil des Diagramms waren ganz komische, abgefahrene Fische. Da hieß es: „Angler fish are among the deepest fish.“ Diese Wortkombination fand‘ ich irgendwie interessant und habe sie den anderen vorgeschlagen. Jetzt zeigt sich, dass man viel reininterpretieren kann. Das passt zu unserer Art von Musik.

Gab es einen besonderen Meilenstein in eurer Bandhistorie, an den ihr besonders gern zurückdenkt?

Gunnar: Eine der coolsten Meilensteine war auf jeden Fall unsere Straßenmusik-Tour in Schweden. Unser alter Bassist ist gegangen, um Soziale Arbeit im Master zu studieren. Da haben wir uns jemand neues „geangelt“, den Thomas, einen Klavierspieler. Dann haben wir uns in einen kleinen VW-Kombi reingequetscht, sind damit durchs Land getingelt und haben uns in den Fußgängerzonen aufgebaut. Das war schon eine extrem geile Geschichte.

Und unser erstes Album war auch ein großer Meilenstein.

Wie hat diese Zeit in Schweden euch als Band geprägt? Was reizt euch besonders daran, an fremden Orten auf der Straße zu spielen?

Hirschi: Es macht auf jeden Fall Spaß, draußen zu spielen. Vor allem mit der Autobatterie elektronisch spielen zu können ist toll. Es ist aber nicht immer dankbar. Am Anfang haben wir es meistens als Probe bezeichnet. Du hast auch immer einen gewissen Aufwand. Ich denke, unsere Musik ist eher für die Bühne geschrieben. Da muss vorher viel geplant werden, um wirklich abliefern zu können.

Gunnar: Ich muss trotzdem sagen, dass es einen großen Vorteil gibt, auf der Straße zu spielen. Du erreichst auch Menschen, die sonst nicht zu einem Konzert von einer Instrumental-Band gehen würden. Da kommen Leute, die hören vielleicht Techno, sagen aber: geile Mucke! Die kaufen sich eine CD oder lassen eine Spende da. Nach dem Auftritt denke ich mir immer: Das war cool. Vorher fürchte ich, dass wir uns den Leuten vielleicht aufdrängen. Da fühle ich mich aus persönlichen Gründen immer ein bisschen unwohl und muss mich erstmal einspielen. Wir hatten auch noch nie Stress mit der Polizei oder dem Ordnungsamt. Die Polizei freut sich meistens und fährt grinsend an uns vorbei.

Habt ihr als Band einen besonderen Traum? Eine Festivalbühne, auf der ihr unbedingt stehen wollt, eine*n Künstler*in, mit der*dem ihr einmal arbeiten möchtet?

Gunnar: Jede Bühne, wirklich jede. Einfach wieder rauskommen, spielen, sich unter die Leute bringen und bekannter werden. Dafür ist die Teilnahme an local heroes sehr gut. Ich würde auch gerne mal auf eine Tour gehen, das steht auf meiner Bucket-List des Lebens ganz oben. Auch gerne mehrmals.

Mir persönlich ist es eine Herzensangelegenheit, das zweite Album fertig zu kriegen. Wir sind immer noch am Schreiben, Komponieren und Proben. Ich würde mir gerne mal so richtig Zeit für ein Album nehmen. Den Sound ausarbeiten, tausende Over-Dubs darüberlegen, sodass ein Effekt-Gewitter auf einen niederprasselt, wenn man den ersten Track anmacht. Mir richtig Gedanken machen und das ganze Ding von vorne bis hinten durchkonzipieren. Auch mit einer erfahrenen Person im Studio arbeiten, die weiß, wie man sowas umsetzt. Das ist auch eines der großen Ziele. Ein Album zu produzieren ist eine Kunst an sich.

Als Meeresbewohner habt ihr es für local heroes gewagt, an Land zu gehen. Was hat euch dazu bewegt, diesen Schritt zu wagen und an dem Contest teilzunehmen?

Gunnar: Wir waren schon im letzten Jahr dabei. Da war’s mehr aus Jux und Tollerei, wir wollten sehen, was passiert. Auch mit früheren Projekten hatten wir uns beworben, aber es war nie professionell genug. Wir sind erst über die Jahre auf einen gewissen Stand gekommen. Dieses Jahr wurden wir gefragt, ob wir nochmal teilnehmen wollen. Da dachten wir uns: Klar, für Auftritte sind wir uns nie zu schade. Für mich persönlich ist Musik keine Competition. Ich spiele, weil ich gerne auf der Bühne stehe.

Im Gegensatz zum Gros der local heroes-Teilnehmer*innen ist eure Musik rein instrumental, statt Songtexten gibt es bei euch Effekte und abwechslungsreiche Instrumentierungen. War dies eine bewusste Entscheidung für euch? Wo seht ihr vielleicht sogar einen Vorteil gegenüber Bands, die mit einem Sänger oder einer Sängerin antreten?

Gunnar: (lacht) Hirschi würde ja eher sagen, dass es ein Nachteil ist. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt keine Gesangsstimme, an der sich die Leute entlang hangeln können. Das läuft entgegen der Hörerwartung der meisten Menschen. Dementsprechend musst du spielerisch echt was auf dem Kasten haben und eine Show abliefern. Unser Fokus liegt sehr auf dem Zusammenspiel, wir können uns hinter nichts verstecken, jeder Einzelne steht auf dem Prüfstand. Die Leute können ja nur auf unsere Instrumente hören. Unter Druck kann ich aber gut arbeiten. Ich übe die ganze Zeit mein Instrument und zeige gerne, was ich kann.

Wie empfindet ihr die Musikszene in Sachsen-Anhalt und fühlt ihr euch als Künstler*innen (insb. von der Politik) ausreichend unterstützt?

Hirschi: Ich glaube die Musikszene hier strebt auf. Wenn ich zehn Jahre zurückdenke, gibt es heute viel mehr Möglichkeiten, die einem geboten werden. Es passt vielleicht nicht immer für jeden. Dafür, dass das Land so weit verstreut ist und es nur zwei Städte gibt, die besser angebunden sind, finde ich es schon gut vernetzt. Es gibt viele Perspektiven.

Unterstützen sich Bands auch untereinander und organisieren gemeinsame Konzerte?

Hirschi: Das ist sehr durchwachsen, in anderen Städten habe ich es besser erlebt. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Vielleicht gibt es hier mehr Konkurrenzdenken. Man sollte an anderen Bands wachsen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es hier verschlossener und schwieriger ist. Es wird aber auch hier besser.

Gunnar: Seit den neuen Corona-Bestimmungen beobachte ich einen Hunger nach Veranstaltungen. Plötzlich wird unser E-Mail-Fach überflutet. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, weil es einen so langen Stillstand gab.

Unterstützung aus der Politik (überlegt) naja. Ich habe mit Punk-Musik angefangen, die von einer DIY-Attitüde geprägt ist. Ich erwarte gar nicht, dass man mir eine Hand ausstreckt. Ich mache einfach mein Ding und freue mich, wenn es Leuten gefällt.

Ich bin aber auch nicht in der Situation, wirtschaftlich von der Musik abhängig zu sein. Es gibt Musiker, denen durch die Pandemie wirklich etwas wegfällt. Da habe ich eine privilegierte Position und kann mich nicht so richtig äußern. Man kriegt mit, dass Leute unzufrieden sind. Das muss man auch anerkennen.

Hirschi: Ich habe festgestellt, dass man als Künstler einen sehr schlechten gesellschaftlichen Stand hat. Eigentlich sind alle Institutionen darauf angewiesen, dass es Kunst gibt. Viele verdienen damit Geld. Ausgerechnet die Menschen, die Musik machen, mussten jetzt Hartz IV beantragen. Andere, die Konzerte ausrichten, wurden unterstützt, was ja auch wichtig ist. Da hätte ich mir aber einfach mehr gewünscht.

Gunnar: Das ist eine zeitgenössische Herausforderung. Musikerkollegen, die schon in der DDR Musik gemacht haben, erzählen, dass sie jedes Wochenende zwei, drei Gigs hatten. Die haben damit gutes Geld verdient. Die Leute wollten unterhalten werden und hatten vielleicht nur ein paar Schallplatten zuhause. Heute hast du Streamingdienste, MP3, Live-Konzerte im Internet. Du kannst alles zuhause machen, was total schön sein kann. Gleichzeitig müssen wir unter kapitalistischen Bedingungen leben, also von der Musik leben können. Da musst du als Musiker echt aus der Masse herausstechen. Das ist eine extreme Herausforderung. Damit seinen Lebensunterhalt verdienen, ist eine Sache der Unmöglichkeit. Das finde ich schade. Musik hat scheinbar keine Wertigkeit mehr. Dabei ist es eine Menge unbezahlte Arbeit, die man leistet. Plötzlich wundern sich alle, dass Künstler und Veranstalter ihre Jobs verlieren. Dabei ist das eine Entwicklung, die sich schon lange abzeichnet.

Mit dem Musizieren unter widrigen Bedingungen, zum Beispiel unter Wasser, habt ihr als Deepest Fish natürlich top Erfahrungen. Auch die letzten Monate hatten Corona-bedingt viele Widrigkeiten für junge Bands in petto. Wie habt ihr diese Zeit erlebt?

Gunnar: Es war schwer, eine Probe zu organisieren. Viele von uns können auch von zuhause arbeiten. Im Homeoffice kann man sich nicht vor der Arbeit drücken und hat im Endeffekt noch mehr Arbeit. Ich persönlich verfolge viele Projekte und Interessen. Ich bräuchte eigentlich einen 48-Stunden-Tag, um alles zu schaffen. Für mich war es deswegen gut, meinen Kopf in andere Dinge reinzustecken. Aber ich freue mich, auch mal wieder proben zu können.

Hirschi: Und mal wieder richtig spielen zu können.

Auch auf local heroes wirkt sich die Corona-Krise aus: Es gibt nun kein Landesfinale, sondern Intensivtage, in denen ihr in eurer Bühnenperformance gecoacht werdet, statt ein Konzert zu spielen. Wie steht ihr zu diesem Angebot und was erhofft ihr euch vielleicht von den Intensivtagen?

Hirschi: Auf jeden Fall ist es gut, sich auch mal auf dieses Thema zu konzentrieren und beraten zu werden. Welche Außenwirkung haben wir, was können wir verbessern? Es hilft, eine objektive Meinung zu bekommen.

Gunnar: Mich interessiert, was andere Menschen über unsere Musik denken. Letztes Jahr hatte uns die Jury zwar zu einer Feedback-Runde eingeladen. Die Juror*innen haben aber so lange mit der Gewinner-Band geredet, und es war spät am Abend, dass wir dann keine große Lust mehr hatten und nach Hause gefahren sind. Diesmal ist ein Tag für uns reserviert. Dass man mal mit Menschen spricht, die nicht unseren Tunnelblick haben, ist echt cool. Das bringt sicher neue Ideen.

Und schließlich: Warum solltet gerade ihr Sachsen-Anhalt im local heroes-Bundesfinale vertreten?

Gunnar: Weil wir es draufhaben (beide lachen). Man muss auch mal auf den Putz hauen. Selbstkritische Reflexion ist schön fürs Wohnzimmer, aber hilft nicht auf der Bühne. Warum wir?

Hirschi: Weil wir die Spaßigsten sind und den Spaß auch nach außen tragen?

Gunnar: Weil wir kein Standard-Programm fahren. Das sage ich aus einem rein kompositorischen Standpunkt, im Vergleich zur Musik, die im Radio läuft. Da ist viel simpel gestrickt. Experimentierfreudigkeit existiert kaum noch. Die bringen wir mit. Ich drück mir die ganze Zeit Musiktheorie rein und versuche, überraschende Erlebnisse in unsere Musik einzubauen, damit die Leute in einem Moment Gänsehaut haben und im nächsten Moment von einem fetten Gitarren-Solo an die Wand gedrückt werden. Wir möchten die Spielfreude in die Musik zurückbringen, raus aus dem tristen Alltag und mal was Anderes erleben.