Selbst ist die Band

Dank Digitalisierung ist der Markteinstieg ohne große Investitionen möglich, Stars können im Alleingang höhere Profite einfahren. Doch wer ganz nach oben will, kommt an den Labels nicht vorbei. von Matthias Lambrecht, Hamburg

Vor zwei Jahren hat Robert Drakogiannakis das Geschäft selbst in die Hand genommen. "Die Musikindustrie lag am Boden wie ein toter Boxer und machte keine Anstalten, wieder aufzustehen", erzählt der Gitarrist der Kölner Band Angelika Express. "Da musste man sich etwas anderes einfallen lassen." Also entschloss er sich, Produktion, Vermarktung und Vertrieb seiner Musik selbst zu übernehmen. "Die Popkultur ist am Ende", postuliert das Trio nun auf der von Drakogiannakis gestalteten Website. "Wir spenden Trost. Indie, Beat, Punk und Wave mit dem gewissen Etwas." Gratis zum Kennenlernen oder als "Deluxe CD Edition" für 12,99 Euro. Der Eigenvertrieb rechnet sich, weil Angelika Express die Erlöse nicht mit einer Plattenfirma teilen muss: "Ohne Label brauche ich viel geringere CD-Verkaufszahlen, um auf meine Kosten zu kommen", freut sich Drakogiannakis.

Auch Marius Müller-Westernhagen hat den Schritt in die Freiheit getan: Im vergangenen Herbst brachte er sein erstes Album ohne Vertrag mit einer großen Plattenfirma auf den Markt. "Bei der Produktion von ,Wiliamsburg‘ habe ich es genossen, nur mir selbst gegenüber verantwortlich zu sein", sagt der Altrocker. Und auch für ihn stimmt nach einem Jahr die unternehmerische Bilanz seiner Ich-AG, die mit ihrer ersten Veröffentlichung auf eine Platin-CD zusteuert: "Es war wesentlich entspannter und dazu pro verkauftem Album sogar profitabler."

Eine neue Welle der Selbstständigkeit hat die Musikbranche erfasst. Während die Unternehmen in den vergangenen Jahren von den Folgen der Digitalisierung gebeutelt wurden wie kaum eine andere Industrie und ihre Investitionen in junge Talente zusammengestrichen haben, nutzen immer mehr Künstler die neuen Technologien, um auf eigene Faust ihr Glück zu suchen. Noch nie war es so einfach, mit einem Song auf den Markt zu kommen. Aber es war auch noch nie so schwer, sich von der Masse abzuheben und ein Star zu werden.

Einst waren es die Labels, die den Eintritt ins Musikgeschäft kontrollierten, die über die Budgets verfügten, um Zehntausende Euro teure Produktionen zu stemmen, und den Zugang zum Handel hatten. Heute reichen ein Laptop mit Musikprogramm, ein Vorverstärker und ein paar gute Mikrofone. "Damit kann man heute fast alles machen, was früher nur in den großen Studios möglich war", sagt Drakogiannakis. Über soziale Netzwerke wie Myspace oder Facebook können die Fans direkt erreicht werden. "Vom Songwriting bis zum Marketing geht alles aus einer Hand", so der Kölner Bandleader. "Dafür waren in den 90ern noch große Teams nötig."

Was früher ganze Vertriebsabteilungen in den großen Plattenfirmen beschäftigte, bieten jetzt Internetplattformen wie das Hamburger Startup Audiomagnet für ein paar Cent Umsatzbeteiligung pro Song an. Gründerin Amke Block führt das Geschäft von ihrem kleinen Büro in Hamburg-St. Pauli aus. In dem Glas- und Betonriegel auf dem alten Schlachthofgelände hat die Stadt junge Musikunternehmen angesiedelt

Quelle: www.ftd.de/

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