Die 20 Punkte über Musik im Web , die du wissen musst.

Ich möchte euch in den nächsten Wochen ein  Buch von Andrew Dubber vorstellen, dass es jetzt endlich in der deutschen Übersetzung gibt. (Urheberverletzung finden nicht statt, da dieses Buch zu nicht kommerziellen Zwecken veröffentlicht werden darf.)

Andrew Dubber - ist Leiter des Abschlusskurses für Musikwirtschaft an der University of Central England in Birmingham1,Großbritannien. Er ist tätig als Senior Lecturer und Wissenschaftler mit den Schwerpunkten Online Music, Radio und New Media Technology. Dubbers Hintergrund liegt sowohl in der Rundfunk- als auch in der Musikindustrie. Er hat eine Vielzahl von Artikeln, Beiträgen und Vorträgen hinsichtlich der angesprochenen neuen Strategien und Technologien in beiden Themenbereichen verfasst. In Auftrag gegeben von der UNESCO, verfasste er als Co-Autor ein Buch zu neuen Technologien für Rundfunkunternehmen in Entwicklungsländern. Außerdem ist er Mitglied des Lenkungsausschusses  des Radio Studies Network.

Seine Website New Music Strategies widmet sich der Unterstützung kleinerer und mittlerer Unternehmen sowie unabhängiger Künstler im Einsatz neuer Online-Technologien und Strategien mit dem Ziel, deren Einkommen zu steigern und zu ihrem Erfolg beizutragen. Weiterhin liefert der Newswire-Dienst der Site täglich Links zu Artikeln rund um die neuesten Entwicklungen der Musikindustrie. Darüber hinaus betreibt Dubber einen persönlichen Blog2, einen MP3-Blog3und einen Tumblelog4. Trotzdem findet er irgendwie Zeit, seiner Arbeit nachzugehenund mit seiner Familie zu reden.

1 [Anm. des Übersetzers: Die heutige Birmingham City University.]

1. Glaube nicht dem Hype:

Sandi Thorn, The Arctic Monkeys und Lily Allen sind nicht allein wegen MySpace megaberühmt, megareich und megaerfolgreich. Sie sind es auch nicht, weil sie auf wundersame Weise die Mengen zu Tausenden auf ihre selbst gebastelte Website gezogen haben. PR, traditionelle Medien, Plattenlabels und Geld – allesamt waren sie im Spiel.

Musik im Web wird in der Presselandschaft heiß diskutiert, und es gibt etliche vorherrschende Richtungen innerhalb der Beiträge. Meistens sind sie nicht wahr.

Gerade, wenn es um das Thema „Musik im Web“ geht, zahlt es sich aus, Tatsachen von Fiktion und Hype von Realität unterscheiden zu können. Insbesondere dann, wenn der Lebensunterhalt davon abhängt. Hier sind die zwei wichtigsten Dinge, auf die man achten sollte:

1. 1. Technologischer Determinismus.

Insbesondere in der Durchschnittspresse ist es eine beliebte Annahme, dass Technologie die Geschichte vorantreibt. Dieser Annahme folgend, führt die technologische Entwicklung zu einer Veränderung der Regeln, denen unsere Lebensgewohnheiten, unsere geschäftlichen Unternehmungen und unsere  Freizeit unterliegen. Gewöhnlich äußert sich dies entweder als Fortschritt oder als Rückschritt: eine mutige neue Welt voller Chancen oder der Verlust einer älteren,natürlicheren Herangehensweise. Fortschritt: Im Fall der Online Music sind diese Umstände sehr deutlich zu sehen: MySpace „gab uns“ die Arctic Monkeys und Lily Allen.Heimgebasteltes Webstreaming führte zur Erfolgsstory von SandiThorn. Technologischer Determinismus besagt, dass das neuartige Internetumfeld es erlaubte, die traditionellen Torwächter zu umgehen und eine Welle öffentlicher Begeisterung anwachsen zu lassen

– allein als Ergebnis der bloßen Macht eines großartigen Künstlers, der unmittelbaren Kontakt zu den Massen hat. Rückschritt: Und dann gibt es da die Story darüber, wie das Internet der Plattenindustrie „das Ende“ bereitet. Downloads und das Brennen von CDs sind einzig und allein verantwortlich für den fortschreitenden Niedergang der Major Labels. Sie verursachen den Rückgang der Ladenverkäufe und untergraben herkömmliche, „natürliche“ Modelleder Musikdistribution und des Musikkonsums. In Folge dessen werden Rechteinhabern ihre verdienten Einnahmen vorenthalten, die ihnen als Beteiligten des kreativen Prozesses zustehen. Blödsinn.

Tatsächlich können diese Dinge nicht von Technologie „verursacht“ werden. Die Technologie verändert sich, und wir entscheiden uns, wie wir darauf reagieren.

Wir handeln gemäß eigener Entscheidungskraft und können die Veränderungen der Medien nur dann mitgestalten, wenn wir sie verstehen, sobald sie eintreten.

1. 2. Menschen haben einen Hang zum Lügen.

Gut, vielleicht ist „lügen“ zu hart gewählt. Aber wenn Du etwas über Musik im Web liest, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um PR und Marketing handelt. Lass Dir nichts weismachen – vorsichtig geschätzt, entstammen 70% dessen, was es in die Medien schafft einer Pressemeldung. Wahrscheinlich ist die Zahl in Wirklichkeit höher.

Geht man bei der Lektüre davon aus, dass der Artikel auf eine Pressemeldung zurückgeht, ermöglicht dies, auf tendenzielle Darstellungen, Schönfärberei und Voreingenommenheit zu achten. Das sollte Dir nicht neu sein. Aber die meisten Menschen scheinen es zu vergessen, wenn es um Dinge geht, die sie nicht ganz durchschauen – und Technologie ist einer dieser Bereiche.

Nun… falls Du beispielsweise liest, auf MySpace kämen Bands groß raus, sollte Dir als Erstes folgende Frage durch den Kopf gehen: “Wer profitiert davon, dass ich das glaube?“. Dann erinnerst Du Dich, dass eine tolle Story den Verkaufsererfolg einer Band fördert. Je mehr die Story sich darum dreht, das die Band wirklich großartig und nicht bloß ein Marketing-Produkt ist, umso größer wird derVerkaufserfolg sein. Eventuell fällt Dir sogar ein, dass der Typ, dem Fox News gehört, genau der gleiche Typ ist, dem MySpace gehört.

Wenn Du also hörst, Sandi Thorn wurde von Sony unter Vertrag genommen, weil 100.000 Leute ihren nächtlichen Webstream live aus ihrer Wohnung in London abgerufen hätten, erinnerst Du Dich zunächst daran, es erst gehört zu haben NACHDEM sie bei Sony unterschrieben hatte. Das Erste, woran Du denkst, ist die Pressemitteilung. Du fragst Dich, wer diese Pressemitteilung veröffentlicht haben könnte, und wer die ganzen Fotografen zur  Unterzeichnung“ gebracht hat.

Dann fällt Dir ein, dass Bandbreite Geld kostet. Und dass es technische Einschränkungen für die Upstream-Bandbreite bei Netzanbindungen von Privatbenutzern gibt. Falls Sandi Thorn derart viele Zuhörer/Zuschauer ohne Firmenunterstützunggehabt hätte, wäre sie höchstwahrscheinlich die Betreiberin eines eigenen ISP-Unternehmens, das einige tausend Euros Ausgaben, aber keine nennenswerten Einnahmen hätte.

Letztendlich wird Dir klar, Sandi Thorn hatte bereits zuvor einen Presseagenten – und war aller Wahrscheinlichkeit nach bereits bei Sony unter Vertrag, als sie ihre Karriere begann.

Das Motiv der Welle unaufgeforderter Unterstützung ist eine großartige Story

und ist ebenso beeindruckend wie die scheinbar von jedermann akzeptierte Geschichte,dass Norah Jones ein Phänomen der Mundpropaganda ist – wobei sie eigentlich überall auf Plakaten, in der TV-Werbung und im Radio präsent war.

Kurzum:

Die Moral der Geschicht ist, Hype hindert uns daran zu verstehen, was wirklich vor sich geht und in welchem Umfang. Wenn wir diese Vorgänge nicht durchschauen, dann fällt es uns schwer, sie selbst zu steuern.

Wenn Du heutzutage im Musikgeschäft irgendwie vorankommen willst, darfst Du keiner wundersamen MySpace-Erfolgsstory vertrauen. Genauso wenig darf man die Gefahren einer vor Dieben strotzenden und von „verlorenen Verkäufen“ durchsetzten feindseligen Umwelt fürchten.

Es ist besser, den Geschichten über Online-Erfolge und –Miseren mit Argwohn zu begegnen und neue Technologien einfach als eine Palette von Hilfsmitteln zubetrachten, die man aufgreifen kann. Auch kann man sie als eine Abfolge von Änderungen des Geschäftsumfelds verstehen, denen man sich anpassen kann.

2010-01-06 18:00

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